Der Aufreger des Tages


Wird der Westend-Verlag zum Rechtsend – Verlag?

 

 







ein Essay von Frits Kloterdijk

Porträt v. F. Kloterdijk

Eine alte Bauernweisheit, die sich im deutschen Sprachgebrauch bis heute erhalten hat:


„Morgen wird eine andere Sau durch das Dorf getrieben.“


Wer hat diese wunderbare Volksweisheit bisher am meisten beherzigt? Die Bundesregierung natürlich. Leider mit einem kleinem Schönheitsfehler. Die Säue sind alle gleich. Es sind die undankbaren Untertanen, die faul, nach Sozialleistungen gieren, zugleich vergnügungsüchtig und morbide sind, statt kriegstüchtig Brust und Kamm schwellen zu lassen. Der Unterschied zwischen den Säuen besteht lediglich in dem Text auf dem Schild, das ihnen vor die Brust gehängt wird. Heute Gesundheit, morgen Rente, übermorgen Tod für Vaterland und Dividenden. Der Bürger ist dieses Geschrei längst gewöhnt und bescheinigt befangenen Meinungsumfragern die bekannte Unzufriedenheit, welche vom Bundeskanzler gekrönt wird. Dabei ist doch alles so gut geordnet. Die Parteien stehen sämtlich in der Mitte, rechte und linke Flanke des Hufeisens berühren sich fast und beengen die Mitte.  Diese Mitte wird aber gleichgesetzt mit demokratischer Meinungsvielfalt. Die Begründung: „Wenn alle in eine Richtung laufen, dann kann das ja nicht falsch sein.“ Der ehemalige CDU-Ministerpräsident von Baden - Württemberg, Hans Filbinger (NS-Marinerichter), begründete seine Todesurteile gegen „Wehrkraftzersetzer und Desertierende“  aus den letzten Kriegstagen, als das 3. Reich kapituliert hatte, noch im Jahr 1978 mit der Feststellung: „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“


Ernst Jandl dichtet dazu in dem Band  „Laut und Luise“:

 






Lichtung

manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht velwechsern

werch ein illtum!






Dies scheint mir sehr erinnernswert, betrachtet man den Aufschrei um den „linken“ Verlag aus dem Raum Frankfurt: der Westend Verlag. Nun haben 32 Autorinnen und Autoren ihre Verträge mit diesem Verlag gekündigt. Ihre Begründung lautet, dass es ihnen nicht zuzumuten sei zusammen mit einem Julius Reichelt im Autorenverzeichnis dieses Verlages gelistet zu sein. Das ist verständlich. Ich möchte auch nicht bei einem Verlag als Autor neben anderen Schreibern wie Alfred Dregger, Friedrich Merz, Monika Maron, Josef Fischer, Robert Habeck und Gregor Gysi auftauchen. Das ist aber nicht meine Entscheidung, sondern die des Verlags und ich bezweifele, ob Gregor Gysi mit dem Autorenkollektiv zur „die Gysi-Saga“ einen entsprechend rassereinen Verlag mit ausschließlich sozialdemokratischer und Seeheimer Literatur finden wird. Dort würden zwar seine politischen Vorstellungen, wie man eine Partei an die Wand fährt, sich in guter Gesellschaft befinden, doch dürfte so ein Verlag sich stets am Rande der Insolvenzverschleppung befinden.




medialer Meinungstunnel
zum Schutz gegen Desinformation


Man könnte das als Mimosenhaftigkeit abgehobener Literaten und Politrentnern abtun, dann ist aber die Rechnung ohne das linksliberale Bildungsbürgertum gemacht. Rasend schnell verbreitete sich in den letzten Tagen in den sozialen Medien die Empörung über das Westend-Verlagsprogramm und überall entdeckten die Freunde des Geschriebenen, dass nicht nur der Westend-Verlag, sondern auch die Nachdenkseiten, welche „verschwörungstechnisch“ zusammenhängen, beständig nach ganz rechts abwandern. Laut wird eine „richtige“ Haltung von den Verlegern gefordert, als ob es sich um eine moralische Institution besonderer Reinheit handele. Das wäre etwa so, als würde man von einem Kaufmann verlangen, dass er seine Produkte an ärmere Kunden mit Preisermäßigungen verkaufen soll. Denn nichts anderes ist ein Verleger, der auf dem Buchmarkt überleben will. Es fällt auf, dass die lautesten Mahner sich eher als Anhänger der Gonzo-Literatur eines Christian Kracht junior ausweisen, dessen Vater Zeitungsmanager bei Springer war. Massiv wird die unnachgiebige politische Ausrichtung eines Verlages gefordert, um die Meinungsfreiheit und -vielfalt zu erhalten. Wer sich nicht innerhalb des vorgeschriebenen ideologischen Rahmens bewegt ist ein Diversant.  Ist eigentlich jemand aufgefallen, dass ausgerechnet die AfD dies ebenfalls zur obersten Forderung für Meinungsfreiheit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk erhebt, der aus ihrer Sicht „linksgrün versifft“ ist? Wer aber aus dem zeitgeistigen linksliberalen Rahmen fällt, driftet nach rechtsaußen. Da bleibt doch am Ende nur der logische Schluss: „Wer sich anders als der Zeitgeist verhält, ist „rechts“ oder „linksgrün versifft“. Statt Diktatur des Proletariats, Tyrannei einer selbst ernannten Mitte. Wer die Mitte ist, das bestimmen die lautesten Schreier. Kunst muss der Volksgemeinschaft zur Erbauung und Erziehung dienen. Wer sich nicht daran hält, ist entartet und ein Volksschädling.  

 

Das klingt deutlich nach dem Ruf zu einer Nachfolgeorganisation der „Reichsschriftumskammer“, die aber doch eigentlich schon vom Kulturstaatsminister wahrgenommen wird. Wäre es da nicht sinnvoller sich an diesen Herrn Weimer zu wenden, denn er hat ja schon mit dem Aufräumen abweichlerischer Buchhandlungen begonnen? Allerdings, der unbefangene Beobachter kann dieses Verhalten der Protestierenden nicht verstehen. Denn als der Herr Weimer auf diesem Gebiet aktiv wurde und sich sogar um Hilfe vom Verfassungsschutz bemühte, war es denselben Schreiern auch nicht recht. Sie ergingen sich in umfangreichen Tiraden und pochten auf die Meinungsfreiheit und den demokratischen Rechtsstaat. An sich eine ausgezeichnete Idee. Es kann gar nicht laut genug auf die Einhaltung des Grundgesetzes und die darin enthaltenen Freiheiten gepocht werden. Offenbar verwechseln die Aktivisten jedoch Lechts- mit Rinksstaat. Ein unvelzeihlicher Illtum.



Diese hysterische Stimmung, welche nun bereits einige Jahre andauert, beschleunigt lediglich das Wachstum einer Partei, die einem Badeschwamm ähnlich, den Unwillen der genervten Bürger aufsaugt. Der Wählerstimmenzuwachs, den die dem Auftraggeber geneigten Meinungsumfrageinstitute präsentieren, ist mitnichten das reale Stimmungsbild. Gefährlich wird dagegen die kindische Trotzhaltung: „Den etablierten Parteien werden wir jetzt 'mal einheizen, damit die sich endlich besinnen“. Der national-konservative Bürger predigt am Stammtisch: „Lassen wir die Anderen doch ran, da wird man ja sehen, ob sie nicht genauso scheitern werden, wie unsere Althergebrachten.“ Ein Spiel, bei dem der Verlierer bereits fest steht. Es fehlt nämlich die politische Auseinandersetzung mit dem Programm und den Strategien der Rechstextremen, um Punkt für Punkt zu zeigen, was diese rechtsextremen Stimmviehsammler tatsächlich bezwecken.




Ein kleiner Gedankensprung. Wer verlässt sich bei dem Kauf eines Auto oder eines Hauses auf den treuen Augenaufschlag des Verkäufers und schließt den Handel per Handschlag ab? Es wird aus gutem Grund dazu die Schriftform gefordert. Deshalb ist es nötig, dass politische Ansichten, Strategien und Programme auch der Öffentlichkeit auf einem gedruckten Papier schwarz auf weiß vorliegen. Wer aber sollte diese Publikationen veröffentlichen? So etwas kann nur ein unabhängiger Verlag vollbringen, wenn die Veröffentlichungen nicht als Parteireklame angesehen werden sollen. Ferner muss es ein anerkannter Verlag sein, der nicht zur Neonazi-Szene gehört. Denn wenn man bei einem solchen braunen Herausgeber ein Buch kauft, dann finanziert man gleichzeitig  Publikationen anderer Autoren, die sich mit der Verherrlichung der Nazizeit und anderem demokratiefeindlichen Schrifttum beschäftigen. Dass die denkenden Bürger obendrein diese Verlage scheuen, liegt auf der Hand. In der öffentlichen Debatte muss es erlaubt sein, dass auch abseitige Meinungen zu Wort kommen. Denn je mehr Leute über die politischen Gegensätze in dieser Gesellschaft erfahren, desto eher werden sie immun gegen das Verkleistern der Gehirne mittels einer staatlich gelenkten Presse, die für sich in Anspruch nehmen den demokratischen Rechtsstaat zu vertreten, indem sie die Regierungsmeinung als demokratisches Dogma verkünden, weil die Regierung ja vom Volk gewählt wurde und deshalb gar nicht anders als die demokratische allein seligmachende Instanz anzusehen ist. Bezeichnenderweise wird viel über das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit geschimpft. Verständlich, denn Papst Pius Nr. 9 peitschte dies durch das erste vatikanische Konzil mit der Begründung, wenn er „ex cathedra“ spräche, sei sein Gehirn vom heiligen Geist so vernebelt, dass niemand mehr die Richtigkeit seines Richtspruches anzweifeln dürfe. Es gibt Bundeskanzler, die dies für sich auch in Anspruch nehmen, nur die Vernebelung ist oft sehr durchsichtig.  Daher ist es zu begrüßen, wenn in diesem Lande die widersprüchlichen Meinungen geschätzt werden, auch wenn sie einem persönlich Magenschmerzen verursachen. Der Deutschlandfunk zitiert in seiner Presseschau regelmäßig aus der Gazette „Cicero“, was jedes Mal dem Genuss eines Esslöffels voll mit Melissengeist entspricht.  Hingegen existiert die „junge Welt“ für den Sender offenbar überhaupt nicht. Doch für den öffentlichen Meinungsstreit müssen persönliche Schmerzen in Kauf genommen werden, denn nur so kann es zu einem Genesungsprozess eines in Agonie befindlichen Staatsgebildes kommen, der wieder die Rückkehr zu einem demokratischen Rechtsstaat verspricht. Aushalten muss dem Durchhalten auf ausgelatschten Wegen eines deutschen Obrigkeitsstaats entgegengesetzt werden.




Dafür gibt es ein Fremdwort aus dem lateinischen Sprachgebrauch. Toleranz - viele Bürger schreiben auch „Tolleranz“. Toleranz kommt vom lateinischen „tolerare“, was leiden oder erdulden heißt. „Tolleranz“ hingegen lässt sich aus „tollere“ ableiten, was auf deutsch niederhauen oder töten bedeutet. Der gegenwärtige Zeitgeist lässt sich gemäß Ernst Jandl so beschreiben:









unser Grundrecht - die Meinungsfreiheit -
auf die Haltung kommt es an!


"Ziel ist eine Verhaltensänderung!"

(Josef Hinterseher, Pressesprecher
des auswärtigen Amtes der BRD,
zu den EU-Sanktionen gegen missliebiger Journalisten und Kritiker
in der Bundespressekonferenz
zitiert aus: die Welt, v. 20.2.2026 )
























Wichtung

manche meinen

Tolleranz und Toleranz

kann man nicht velwechsern

werch eine Dolleranz!






zur Person von Prof. Dr. sc. Frits Kloterdijk: Psychiater und Medientherapeut:

geboren 1956 in Volkel (Niederlande) als Sohn niederländisch-deutscher Eltern, Studium der Medizinwissenschaften und Psychologie an der Universität Zaltbommel, habilitierte sich an der pädagogischen Hochschule in Mühlhausen mit der Arbeit: „Testikelschwund als Folge langjähriger aktiver politischer Arbeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem durch übermäßige Zuwendungen von Geldgebern und deren Spätfolgen durch orale Dauerbefriedigung“. Diese Habilitationsschrift, als Postdoktorand noch in der DDR erstellt, konnte erst nach 1990 einem begrenzten Kreis in der Öffentlichkeit vorgestellt werden und ist heute nicht frei zugänglich, weil gewisse Teile dieser Arbeit das Staatswohl gefährden könnten, beschied der Dekan der Hochschulsektion Ulrich von der Misere. Frits K. lebt heute wieder in den Niederlanden und arbeitet als Therapeut für „pathologisch affektierte Personen der Öffentlichkeit“, daneben ist er Gastdozent in Zaltbommel.




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